Almedha Ginevra ní Leannan

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Nachdem das Lied zu Ende ist und die anderen Kinder von ihren Eltern zum Essen gerufen wurden, steht nur noch ein Mädchen vor Clairseach. Es ist klein, schmutzig, und sieht irgendwie verloren aus. "Und wie heißt du, junge Dame?" fragt Clairseach. "Aluschka". Das Mädchen sieht auf ihre Füße. Die Bardin runzelt die Stirn. "Das ist aber ein ungewöhnlicher Name für eine Flemmgarderin." Aluschka zuckt mit den Schultern. "Früher hab ich anders geheißen, aber mein Papa sagt, ich soll Fremden sagen, ich heiß Aluschka." "Wirklich? Hat dein Papa Angst, dass dir was passiert, wenn du deinen echten Namen sagst?" Aluschka nickt. "Seit Mama tot ist, hat er sehr viel Angst." Clairseach lächelt verständnisvoll und beugt sich zu Aluschka hinunter. "Viele haben jetzt Angst. Viele verstecken ihre wahre Meinung, ihren Glauben, ihr ganzes Selbst. Aber vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten, Mädchen. Ich kann Geheimnisse hüten." Clairseach sieht sich nach allen Seiten um, lächelt und senkt ihre Stimme zu einem konspirativen Flüstern. "Wenn du mir deinen Namen verrätst, kann ich dir sagen, was er bedeutet." Clairseach hält dem Mädchen ihr Ohr hin und zaghaft flüstert es "Almedha" hinein. Die Bardin nickt und kichert. "Das ist natürlich ein Name, den die Hessborgier nicht gerne hören." Sie kramt ein kleines, abgegriffenes Holzbild aus ihrem Umhang, das eine Frau mit wallenden schwarzen Locken zeigt. "Vor garnicht allzu langer Zeit war Almedha unsere Königin. Die größte Königin seit Leannan, sagen viele, und die herzenswärmste, klügste Frau, die man sich vorstellen kann. Hier, kleine Almedha," sie stopft dem Mädchen das Bild in die Schürzentasche, "behalt es gut auf und zeig' es niemandem, und wenn du es ansiehst, dann denk' an diese Geschichte:"

Ikone der Königin Almedha

„Almedha, die Tochter der Ginevra, der alten Königin von Flemmgard, wurde schon vor ihrer Thronbesteigung im Volke wie eine Heilige verehrt. Das lag nicht nur an ihrer Schönheit oder ihrer höfischen Anmut, noch an der Tatsache, dass sie einst den Thron Flemmgards innehaben sollte: Almedha hatte ihr Leben dem Volk verschrieben. Kein Mitglied des Hauses von Flemmgard vor oder nach ihr war je so freigiebig den Armen gegenüber. Und ihre Selbstaufopferung ging über Geldspenden weit hinaus: Almedha bildete sich schon früh in der Heilkunst und scharte weise, kräuterkundige Frauen um sich, deren Auftrag es einzig und allein war, den Kranken unentgeltlich Linderung zu verschaffen. Gab es aufgrund einer größeren Katastrophe mehrere Kranke oder Verletzte, ließ es sich die Prinzessin trotz Proteste beider ihrer Eltern nicht nehmen, selbst mitzuhelfen.

Trotz vieler wohlhabender und mächtiger Verehrer aus dem In- und Ausland entschied sich Almedha, als die Zeit dazu gekommen war, Caineghis, einen niederen Adeligen aus Flemmgard, der von tiefem Glauben, aber weder mit Charisma, besonderen Reichtümern oder wenigstens einem fröhlichen Gemüt beschenkt war, zu heiraten.

Als Ginevra starb und Almedha den Thron erbte, löste sie mit einem bis dahin nie dagewesenen Akt ein förmliches Erdbeben im ganzen Land aus: Sie ließ sich und Caineghis als gleichberechtigtes Königspaar krönen und übertrug ihm wesentliche Teile der Staatsmacht. Besonders unter den Traditionalisten löste dies eine Welle an Protest aus. Almedha jedoch verstand es, ihre Beliebtheit zu nutzen und erklärte die Gründe für ihr Handeln in einer Rede an den Adel: Sie fühle sich berufen, der Mutter zu dienen, indem sie wie die alten Drudinnen, die gleichzeitig Stammesführerinnen waren, Menschen mit den Mitteln, die die Mutter ihr zur Verfügung stellte, heilte. Früher konnten die Drudinnen ihre Stämme politisch, spirituell und in der Erhaltung der Gesundheit lenken und betreuen, doch heute, im großen, vereinten Flemmgard sei dies nicht mehr möglich. Caineghis sei ein guter, kluger Mann, der es verstehen würde, die Geschicke des Landes in der Zeit zu lenken, wenn sie ihrer Aufgabe als Heilerin nachkam. Sie erbat sich eine Probezeit von drei Jahren, in denen die Staatsgeschäfte so geführt werden sollten, wie sie es jetzt beschlossen haben, und räumte ein, dass sie, wenn der Adel es dann noch wünschte, nach dieser Frist ihren traditionellen Platz als regierende Königin einnehmen würde. So widmete sie sich weiterhin uneingeschränkt ihre Rolle als Heilerin und Spenderin; und was sie an Staatsmitteln mit vollen Händen verschenkte, das brachte Caineghis durch geschickte politische Schachzüge wieder herein, und in der Zeit, in der sie bei Hofe fehlte, erwies er sich als fairer Richter und als Mann, dem man Respekt zollte. In Gegenwart seiner Frau, die er kompromisslos verehrte, sah man ihn sogar manchmal lachen. Nach den drei Jahren hatte sich der Adel an das Bild des Mannes auf dem Thron gewöhnt und stimmte zu, dieses Modell beizubehalten. In dieser Zeit begannen auch die Druidinnen, erstmals Männer auszubilden, und auch im Volk begann der Wind der Gleichberechtigung zu wehen.

Bald gebar Almedha ihren ersten Sohn, Boreas. Die Geburt schwächte Almedha sehr und in der Angst, sie könnte sterben und keinen weiblichen Thronerben hinterlassen, verfasste Almedha ein Edikt, das veranlasste, dass Boreas, obwohl er ein Junge war, als Erstgeborener ihren Thron erben würde. Almedha gesundete wieder, doch das Edikt nahm sie nicht zurück, denn sie empfand es dem Zeitgeist als angemessen (und die hocherfreute männliche Gleichberechtigungsbewegung stimmte ihr zu und stärkte ihr den Rücken). Die Mode des Erben des oder der Erstgeborenen wurde auch von einigen Adelshäusern aufgegriffen, einige Traditionalisten behielten aber nach wie vor das weibliche Erbrecht bei.Sobald sie wieder auf den Beinen war, fand man Almedha wieder fast durchgehend im Heilerkloster, das sie mittlerweile gegründet hatte, und der junge Boreas wuchs hauptsächlich bei Ammen und unter den Augen seines Vaters, dessen ganzer Stolz er war, auf.

Vier Jahre später wurde die Königin erneut schwanger und gebar eine Tochter, Riona. Doch welch Ironie: Sie, die sie tausenden mit ihrer Heilkunst das Leben gerettet hatte, erholte sich diesmal nicht mehr vom Kindbettfieber, das sie abermals befiel. Da ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung – aus dem ganzen Reich strömten sie her, um der geliebten Almedha die letzte Ehre zu erweisen. Man sagt sogar, ein Einhörnchen habe sich beim Leichenzug auf Almedhas Sarg niedergelegt, um dort zu sterben. Ein ganzes Jahr lang wurden auf Burg Flemmgard jeden Tag Trauermessen für die so jung verstorbene Königin abgehalten und Ikonenbilder mit ihrem Abbild wurden in vielen Häusern aufgehängt. So lebt die weise, die wohltätige, viele sagen, die heilige Almedha weiterhin in unseren Herzen."